Referenten: Dr. Frederike Neuber und Tim Westphal (beide Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften)
Abstract:
Digitale Editionen verstehen sich traditionell als transparente wissenschaftliche Verfahren, die Eingriffe offenlegen, Entscheidungen begründen und damit die Nachvollziehbarkeit editorischer Arbeit sichern. Mit dem zunehmenden Einsatz von KI-Systemen in Editionsprozessen werden diese Grundprinzipien jedoch herausgefordert. KI-gestützte Verfahren bleiben häufig eine „Black Box“: Modelle, Trainingsdaten und algorithmische Entscheidungsprozesse sind oft nur eingeschränkt zugänglich, sodass die Ergebnisse weder vollständig reproduzierbar noch in jedem Fall hermeneutisch nachvollzogen werden können.
Im Zentrum des Vortrags steht die Frage, wie sich maschinell unterstützte editorische Arbeits- und Entscheidungsprozesse so dokumentieren lassen, dass Transparenz, Verantwortlichkeit und wissenschaftliche Nachvollziehbarkeit erhalten bleiben. Dazu wird ein dreistufiges Dokumentationsmodell vorgestellt, das unterschiedliche Anforderungen an die Offenlegung des KI-Einsatzes berücksichtigt – von einer grundlegenden Kennzeichnung über Angaben zur Qualitätssicherung bis hin zu einer umfassenden Dokumentation des gesamten Arbeitsprozesses. Die Ausgestaltung eines solchen Modells wirft jedoch eine Reihe praktischer und konzeptioneller Fragen auf: Welche Informationen benötigen unterschiedliche Nutzergruppen? Welcher Dokumentationsaufwand ist unter realen Projektbedingungen leistbar? Und wie kann mit der begrenzten Stabilität und raschen Weiterentwicklung von KI-Modellen umgegangen werden? Besondere Aufmerksamkeit gilt dabei dem Umgang mit Unsicherheiten sowie der Frage, wie auch die Grenzen des jeweils Erklär- und Dokumentierbaren sichtbar gemacht werden können.
Der Beitrag zielt darauf ab, Ansätze für einen reflektierten und nachvollziehbaren Umgang mit KI in digitalen Editionsprojekten zu entwickeln. Dokumentation wird dabei nicht allein als editorische Best Practice verstanden, sondern auch als eigenständige Forschungsressource, die eine Analyse der Integration von KI in geisteswissenschaftliche Arbeitsprozesse ermöglicht.
Kurzbios:
Frederike Neuber ist Editionswissenschaftlerin und Digital Humanist und seit 2017 an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften (BBAW) tätig. Zuvor promovierte sie in den Digital Humanities an den Universitäten Graz und Köln. An der BBAW ist sie stellvertretende Leiterin von TELOTA, Koordinatorin der Initiative „Gender & Data“ und Mitherausgeberin der digitalen Jean-Paul-Edition. Zu ihren Forschungsschwerpunkten zählen die Integration von Machine-Learning-Verfahren in digitale Editionen sowie die Auswirkungen von KI auf die Editionsphilologie, sowohl im Hinblick auf editorische Arbeitsprozesse als auch auf die Nutzung digitaler Editionen. Gemeinsam mit Tim Westphal hat sie 2025 das KI-Lab bei TELOTA an der BBAW gegründet.
Tim Westphal studierte Geschichtswissenschaften mit Schwerpunkt neuere Geschichte in Potsdam und an der Humboldt-Universität zu Berlin. Nach einer Tätigkeit für einen Archivdienstleister ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter bei dem DH-Referat TELOTA der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. Dort arbeitet er einerseits als Entwickler in den im Zentrum Preußen angesiedelten Editionsvorhaben und arbeitet weiterhin im KI-Lab bei TELOTA an der Erprobung von KI- und Machine-Learning-basierte Anwendungen in geisteswissenschaftlichen Forschungskontexten. Daneben ist er selbstständig in der archivfachlichen Beratung für Kulturerbeeinrichtungen tätig.
