Nachruf für Frau Prof. Dr. Irmtraud Rösler

Irmtraud Rösler lehrte von 1992 bis 2008 als Professorin für Niederdeutsche Philologie am Institut für Germanistik an der Universität Rostock. Ihr Forschungs- und Lehrgebiet war die niederdeutsche Sprache in ihrer historischen und gegenwärtigen Ausprägung. Das besondere Augenmerk Irmtraud Röslers galt der mittelniederdeutschen Sprache des 14. bis 16. Jahrhunderts, die sie vor allem unter soziolinguistischen Gesichtspunkten betrachtete. Ein weiterer Schwerpunkt war die Sprachgeschichte Mecklenburgs. Bereits die Dissertation von Irmtraud Rösler mit dem Titel Die Durchsetzung des Hochdeutschen im Schriftverkehr Mecklenburgs: ein Beitrag zur Ausbildung der deutschen Literatursprache, die sie 1981 vorlegte, führte diese beiden Forschungsinteressen zusammen, indem sie die Entwicklung des mecklenburgischen Sprachraums aus der Perspektive von Mehrsprachigkeit und Sprachkontakt untersuchte. Ihre 1991 abgeschlossene Habilitationsschrift Satz - Text - Sprachhandeln: syntaktische Normen der mittelniederdeutschen Sprache und ihre soziofunktionalen Determinanten verband auf vorbildliche Weise Fragen der historischen Syntaxforschung mit Ansätzen der historischen Soziolinguistik und Textlinguistik. Ihre syntaktischen Studien füllten eine wichtige Forschungslücke innerhalb der historisch ausgerichteten Niederdeutschen Philologie. Weitere Arbeiten beschäftigten sich aus linguistischer Perspektive mit verschiedenen mittelniederdeutschen Textsorten, diskutierten Aspekte historischer Mündlichkeit und fokussierten die Schreibsprachen des Mittelniederdeutschen. 

Der beeindruckende berufliche Werdegang von Irmtraud Rösler stellt keine geradlinige akademische Karriere im klassischen Sinne dar, führt jedoch die Möglichkeiten vor Augen, die das Bildungssystem der DDR Menschen, zumal Frauen, aus einfachen sozialen Verhältnissen bot. Er zeigt die Energie und Hartnäckigkeit, mit der Irmtraud Rösler ihre Ziele verfolgte, und unterstreicht ihr Engagement und ihre Freude an der Wissensvermittlung an junge Menschen.

Nach einer Gesellenausbildung zur Schriftsetzerin nahm Irmtraud Rösler ein Lehramtsstudium der Germanistik und Anglistik an der Universität Jena auf, das sie 1967 erfolgreich abschloss. Auf eine Tätigkeit als Lehrerin für Deutsch und Englisch an der Polytechnischen Oberschule "Theodor Körner" in Schwerin folgten von 1972 bis 1977 Auslandseinsätze als Deutschlektorin in Bagdad und Kairo. Von 1977 bis 1989 war Irmtraud Rösler wissenschaftlich an der Rostocker Germanistik tätig. Die politische Wende in der DDR 1989 erlebte sie als Gastdozentin am Germanistischen Lehrstuhl der Universität Danzig, wo sie von 1989 bis 1991 lehrte. 1992 wurde sie als Professorin an die Universität Rostock berufen. Mit ihrer nach der Wende neu eingerichteten Professur für Niederdeutsche Philologie erhielt die Niederdeutschforschung in Ostdeutschland nach mehreren Jahrzehnten erstmals wieder einen akademischen Sitz. 

Während ihrer Zeit an der Universität Rostock übernahm Irmtraud Rösler verschiedene akademische Leitungsfunktionen. Von 1993 bis 1996 und nochmals von 2000 bis 2001 war sie Direktorin des Instituts für Germanistik und von 1996 bis 1998 Sprecherin des Fachbereichs Sprach- und Literaturwissenschaften.

Bemerkenswert an der Lehrtätigkeit Irmtraud Röslers war ihr internationales Engagement, sei es als Lektorin, sei es als Gastdozentin, sei es als Professorin im Ruhestand. In ihrer Rostocker Zeit übernahm Irmtraud Rösler mehrere Gastlehrtätigkeiten in Oslo, Halden, Kopenhagen, Moskau, Riga, Danzig und Triest. Geboren im ostpreußischen Gumbinnen und geprägt durch ihre Biographie als Vertriebene war ihr die Förderung der Verständigung und Zusammenarbeit mit Osteuropa eine Herzensangelegenheit. Sie engagierte sich stark bei der Unterstützung osteuropäischer Wissenschaftler:innen und Studierender. Für ihre Verdienste auf diesem Gebiet erhielt Irmtraud Rösler 1991 eine Ehrenmedaille der Universität Danzig sowie im Jahre 2001 die Ehrendoktorwürde der Universität Riga (Lettland).

Mit Irmtraud Rösler verliert die Rostocker Germanistik eine profilierte Wissenschaftlerin und ebenso engagierte wie empathische Dozentin, die ihren ehemaligen Kolleginnen und Kollegen, Schülerinnen und Schülern sowie Studierenden vor allem durch ihre Zugewandtheit und Herzenswärme in steter Erinnerung bleiben wird.    

Die Rostocker Germanistik hält ihre ehemalige Kollegin Irmtraud Rösler in ehrendem Angedenken und spricht ihren Angehörigen ihre aufrichtige Anteilnahme aus.


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