Forschungsschwerpunkte

1. Bisherige Forschungsschwerpunkte (Stichworte)

  1. Deutschsprachige Lyrik des 9.–17. Jahrhunderts (insbesondere Walther von der Vogelweide, Neidhart, Oswald von Wolkenstein, Liederbücher des 15. und 16. Jh.s) / Text und Musik im deutschsprachigen Mittelalter
  2. Kleinere Reimpaardichtungen des deutschsprachigen Hoch- und Spätmittelalters (13.–16. Jahrhundert) / Diskursive Texte (bes. „Reden“ und „Reimpaarsprüche“)
  3. Niederdeutsche Texte des 15./16. Jh.s („Rostocker Liederbuch“; „Künstlike Werltspröke“ / „Schönes Rimbökelin“)
  4. Mediengeschichte / Handschriftenkultur und Buchdruck / Editionsphilologie
  5. Typologie und Poetik der deutschen Literatur im Hoch- und Spätmittelalter sowie in der Frühen Neuzeit
  6. Mittelalter-Rezeption (insbesondere im Film)
  7. Fachgeschichte der Germanistik

2. Gegenwärtige Forschungsprojekte

Neuedition des „Rostocker Liederbuches“ [zusammen mit Hartmut Möller, Hochschule für Musik und Theater Rostock, Udo Kühne, Universität Kiel; Andreas Bieberstedt, Universität Rostock]

Während die Liebeslieder des deutschsprachigen Hochmittelalters, namentlich die Texte der Autoren des 12. und frühen 13. Jh.s, gut erforscht sind, steht eine umfassende Beschreibung und literarhistorische Einordnung der spätmittelalterlichen Minnelyrik in deutscher Sprache noch aus: Als einigermaßen befriedigend kann allenfalls die wissenschaftliche Aufarbeitung weniger prominenter Œuvres (Oswald von Wolkenstein; Mönch von Salzburg; Eberhard von Cersne; Hugo von Montfort) gelten; für die Lieder weniger bekannter Autoren und erst recht für die anonym tradierte Lyrik der sog. weltlichen Liederbücher stehen dagegen die wissenschaftlichen Bemühungen noch am Anfang. Als ein besonderes Problem erweist sich, dass die Editionen auch prominenter Text- und Melodiecorpora den heutigen wissenschaftlichen Standards nicht entsprechen. Dies gilt auch für die Ausgaben des am Ende des 15. Jh.s entstandenen Rostocker Liederbuches (Rostock, UB: Mss. philol. 100/2), das u.a. wegen der Vielfalt und der Besonderheit der in ihm vertretenen Texttypen (vorwiegend verschiedene Subgenera der Liebeslyrik, ferner historisch-politische Lieder, schwankartige Texte, Trinklieder und Parodien, Witz- und Necklieder, aber auch geistliche Lieder sowie eine Reihe nicht-sanglicher Stücke) sowie der hohen Anzahl von unikal tradierten Melodien zu Recht als eine der bedeutendsten Quellen für die (nieder-)deutsche Lyrik des 15. Jh.s gilt. Die geplante Neuausgabe der Texte und Melodien ist als synoptische Edition konzipiert, welche die Parallelüberlieferung dokumentiert; vorgesehen ist außerdem die Übersetzung aller Texte, ein ausführlicher Kommentar sowie die Einspielung aller Lieder durch ein professionelles Musikensemble. Ergänzt wird diese Edition durch eine bereits existierende Internetpublikation, die alle wichtigen Informationen zum „Rostocker Liederbuch“ zusammenträgt, Farbabbildungen von allen Seiten der Handschrift präsentiert und alle derzeit erhältlichen Einspielungen von Liedern aus dem Rostocker Corpus als mp3-Files zur Verfügung stellt (www.rostocker-liederbuch.de)

Als Resultat des Projektes liegen mehrere Aufsätze vor (eine Liste mit Titeln finden Sie hier) sowie die bereits erwähnte Internetpublikation; mit dem Abschluss der Edition ist 2018 zu rechnen.

Als Anschlussprojekt wird eine umfassende Untersuchung zur deutschen Liederbuchlyrik des 15. und 16. Jh.s geplant, die unter der Perspektive einer Medienkulturgeschichte profiliert werden soll (s.u.).

Das „Digitale Archiv zum »Rostocker Liederbuch« (DARL)

Parallel zu der Arbeit an der Edition des »Rostocker Liederbuchs« wurde eine umfangreiche Website (www.rostocker-liederbuch.de) erstellt, die sich zu einer viel beachteten Datensammlung für die Erforschung der norddeutschen Liedkultur des 15. Jh.s entwickelt hat: Sie wird von den Vertretern verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen (insbesondere der Germanistik, der niederdeutschen Philologie, der Musikgeschichte oder der Europäischen Ethnologie und Volksliedforschung) nachgefragt; auf sie wird entsprechend oft  in einschlägigen Webportalen (Handschriftencensus.de; Mediaevum.de; Netzwerk-literaturkritik.de) verwiesen. Die beim Forschungsfonds Mecklenburg-Vorpommern eingeworbenen Mittel sind dazu eingesetzt worden, diese Website ab dem Jahr 2015 auf das Niveau einer modernen Standards genügenden nachhaltigen Datensicherung zu heben und sie gleichzeitig durch einen inhaltlichen Ausbau zu einer wissenschaftlichen Plattform für eine weitergehende Erschließung der Liedkultur des 15. Jahrhunderts zu machen. Das DARL schließt evidente Lückenin der Erforschung der Text- und Musikkultur des Spätmittelalters und verbindet die interdisziplinäre Erschließung der Liederbuchkultur durch eine Arbeitsgruppe ausgewiesener Forscher mit der hohen Expertise, die an der Universität Rostock im Bereich von Digitalisierungs- und Langzeitverfügbarkeitsprojekten aufgebaut worden ist. Es zielt überdies auf die systematische wissenschaftliche Erschließung wie die digitale Sicherung eines Kulturdokumentes, das gleichermaßen für die Kulturgeschichte des Landes Mecklenburg-Vorpommern wiefürdie Geschichte des Niederdeutschen von zentraler Bedeutung ist und trägt damit zur Weiterentwicklung des Rostocker Forschungsschwerpunktes „Medien und Repräsentationen des Wissens“ bei, der als ein zentrales Themenfeld in der Profillinie „Wissen – Kultur – Transformation“ der Universität Rostock definiert worden ist. Schließlich ist festzuhalten, dass das DARL als eine innovative Form der Wissensrepräsentation konzipiert, in der dieses außergewöhnliche Dokument durch ein nach aktuellen Standards der Datenpräsentation gearbeitetes, intermediales Ensemble aus Texten, Bildern, Grafiken und Audiodateien vorgestellt und auf technisch anspruchsvolle Weise digital gesichert wird.

Die Liederbuchlyrik des 15. und frühen 16. Jh.s. Eine Medienkulturgeschichte des anonymen deutschsprachigen Liedes im Spätmittelalter

Im 15. und 16. Jh. entsteht eine höchst vielfältige Kultur des deutschsprachigen Liedes, die zwar einzelne Impulse aus der hochmittelalterlichen Lyrik aufnimmt, aber in vielerlei Hinsicht ganz neue Wege geht. Zu den Innovationen gehören nicht nur charakteristische, zeittypische Formen und Inhalte, sondern überdies die Entwicklung eigener medialer Formate (u.a. die handschriftlichen und gedruckten anonymen Liederbücher mit und ohne Noten, die autornahen Sammlungen geistlicher wie weltlicher Liederdichter, ferner die Stimmbücher im Querformat, aber auch die Einblattdrucke und Liederhefte oder die handschriftlichen und gedruckten Gesangsbücher) sowie die Herausbildung spezifischer Formen der Intertextualität (wie beispielsweise die Übernahme monodischer Liedtöne in die gehobene Musikkultur der modernen Mehrstimmigkeit, Retextualisierung der Stücke in Quodlibet-Sammlungen, die geistliche und weltliche Kontrafaktur oder auch die Transformation lyrischer Stücke in andere Texttypen). Hinzu kommt eine enorme Beschleunigung und Intensivierung der literarisch-musikalischen Kommunikation, an der jetzt auch soziale Gruppen teilnehmen, die im hochmittelalterlichen Literaturbetrieb kaum eine Rolle spielen: Niemals zuvor hat es eine so große Zirkulation von deutschsprachigen Liedern gegeben, und niemals zuvor haben an der Liedkultur so viele Personen und Institutionen partizipiert wie in der Zeit von der Entstehung der ersten handschriftlichen Liederbücher am Ende des 14. Jh.s bis zur Durchsetzung der gedruckten Lyriksammlungen in der 2. Hälfte des 16. Jh.s.

Das Ziel des Projektes besteht darin, im Ausgang von der intensiven Beschäftigung mit dem Rostocker Liederbuch und seiner Parallelüberlieferung eine übergreifende Medienkulturgeschichte eines lange vernachlässigten Teilesegmentes, nämlich der anonymen Liedlyrik im 15. und 16. Jahrhundert, zu konzipieren, in der die historische Entwicklung und die typologische Ausdifferenzierung dieses speziellen literarisch-musikalischen Diskurses in einen Zusammenhang gestellt werden soll mit den sozialen Kontexten, in denen diese Lieder kursierten, und den medialen Formaten und den Retextualisierungstechniken , mittels derer sie im kulturellen Gedächtnis erhalten blieben. Ein erster Schritt zur systematischen Erschließung soll mit einem „Digitalen Repertorium der weltlichen Liederbuchlyrik des 15. und 16. Jahrhunderts“ getan werden, das als Nachfolgeprojekt zum DARL geplant ist.

Studien zur Poetik der mittelhochdeutschen Epik des hohen und späten Mittelalters

Die Forschung zur Poetik der mittelhochdeutschen Großepik, speziell zum höfischen Roman, hat sich in der Nachfolge von Hugo Kuhn und Walter Haug stark auf Überlegungen zur Makrostruktur der Texte konzentriert (‚Doppelweg’, Poetik der ‚Wiederholung mit Variation’). Inzwischen ist diese Betrachtungsweise jedoch durch neuere Gesichtspunkte ergänzt worden, die sich unterschiedlichen Orientierungen verdanken und dementsprechend verschiedene, zum Teil konträre Sichtweisen auf das behandelte Phänomen entwerfen: Während primär medien- und kulturgeschichtlich argumentierende Zugriffe unter dem Stichwort ‚Visualität’ die Relevanz einer Evokation von an das Medium des menschlichen Körpers gebundenen Kommunikations- und Interaktionsformen der adligen Hofkultur für die Poetik der in einer semi-oralen Kultur angesiedelten Texte betonen, akzentuieren Studien, welche die auf einer Partizipation der volkssprachigen Epik an der lateinischen Bildungstradition gründende Litararizität in den Blick rücken, die Bedeutung eines Spiels von inter- und intratextuellen Bezügen und die besondere Rhetorizität und Artifizialität der Texte, wie sie etwa das polyphone Mit- und Gegeneinander von Erzähler- und Figurenstimmen und die wechselnde Fokalisierung oder die ausladenden descriptiones generieren.

Im Interesse einer genaueren und differenzierten Bestimmung einer für die mittelalterlichen Texte möglicherweise charakteristischen ‚Poetik der Visualität’ gilt es, beide Betrachtungsweisen weiterzuverfolgen und miteinander in Bezug zu setzen. Dabei wäre es wichtig, insbesondere die medienhistorischen Prämissen und Folgerungen, die sich inzwischen zunehmend als problematisch erwiesen haben, zu korrigieren, ohne das Innovationspotential, das dem Visualitätsparadigma innewohnt, preiszugeben. In einer Zeit, in der sich die Narratologie allmählich für eine Historisierung öffnet und kontextsensitiv wird, kann die Frage nach literarischen Sinnbildungsverfahren durch die Berücksichtigung und Weiterentwicklung narratologischer Ansätze und deren Koppelung an kulturhistorische Überlegungen an Präzision und Überzeugungskraft gewinnen.

Diese Forschungen werden als Teilprojekt im DFG-Graduiertenkolleg an der Universität Rostock „Kulturkontakt und Wissenschaftsdiskurs / Cultural Contact and Discourses of Scholarship“ verfolgt; ein Beitrag zu‚Sehen’ und ‚Sichtbarkeit’ im Nibelungenlied ist 2011 erschienen.

Die „Erfindung des Mittelalters“ oder: Körperzeichen zwischen Mittelalter und Moderne – Zur Rezeptionsgeschichte des Nibelungenliedes in der Neuzeit

Die neuzeitlichen Neubearbeitungen des Nibelungen-Stoffes (wie die Nibelungen-Dramen von Friedrich Hebbel, Moritz Rinke oder Helmut Krausser, aber auch Wagners Ring oder Fritz Langs Nibelungen-Film) beziehen ihren literarischen Reiz nicht zuletzt aus der Körperpräsenz der Schauspieler, die den tradierten Stoff in eine neuzeitliche Form der Performanz überführen. Insofern auch die Poetik des Nibelungenliedes auf der narrativen Vermittlung von Körperzeichen (Mimik; Gestik; Haptik; Proxemik) beruht [s.o.], scheint in der Rezeption des Epos durch Drama und Film eine Konvergenz künstlerischer Mittel vorzuliegen. Eine Analyse der nonverbalen Zeichen in diesen modernen Adaptionen zeigt indes den irritierenden  Befund, dass hier gerade nicht auf eine spezifisch mittelalterliche Zeichenwelt zurückgegriffen wird: Aufgrund des Umstandes, dass die neuzeitlichen Autoren bei ihren Adressaten nicht mit Kenntnissen über das höfische Zeremoniell und seine Körperinszenierungen rechnen können, fehlen vielmehr die gerade für das „Nibelungenlied“ charakteristischen „Schaubilder“, die signifikante Formen des adeligen Verhaltens (wie den Stratorendienst oder den Herrscher-Adventus) literarisch funktionalisieren; statt dessen finden sich neue, nicht-mittelalterliche Körpersignale, die eine doppelte Aufgabe erfüllen: Sie sollen einerseits den Eindruck des scheinbar Geschichtlichen und des Fremden erzeugen (etwa durch systematische Rückgriffe auf eine populäre Historiographie und Ethnologie), andererseits müssen sie aber von den zeitgenössischen Diskursen der nonverbalen Kommunikation (beispielsweise von den Pathos–Formeln des Theaters) her decodierbar sein. Der Vergleich zwischen den Köperzeichen des „Nibelungenliedes“ und seiner Neubearbeitungen wirft dabei nicht nur ein interessantes Schlaglicht darauf, wie ein mittelalterlicher Stoff unter den Bedingungen der Neuzeit verändert werden kann, sondern verdeutlicht überdies, dass die Alterität des Vergangenen zu der Konstruktion eines Mittelalter-Bildes führt, das auf der eigentümlichen Mischung von Eigenem und Fremden und der Amalgierung von Elementen aus ganz unterschiedlichen zeitgenössischen Diskursen beruht.

Auch diese Forschungen sind ein Teilprojekt im DFG-Graduiertenkolleg an der Universität Rostock „Kulturkontakt und Wissenschaftsdiskurs / Cultural Contact and Discourses of Scholarship“; ein umfangreicher Forschungsbeitrag zu Fritz Langs „Die Nibelungen“ wird 2013 erscheinen (unter dem Titel: »Des künic Etzelen man« – The Huns in Fritz Lang’s Classic Silent Film“ Kriemhilds Rache“ and the „Nibelungenlied“).

Prof. Dr. Franz-Josef Holznagel

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Auf Grund der aktuellen Situation biete ich montags von 16.00 bis 17.00 Uhr und nach Vereinbarung eine telefonische Sprechstunde an. Sie erreichen mich unter der Telefonnummer 0381 - 498 2580. Ich bitte um eine Anmeldung per Mail unter: franz-josef.holznagel@uni-rostock.de